Warum schlafen meine Hände nachts ein? Was Nerven, Haltung und langes Sitzen damit zu tun haben

Warum schlafen Hände nachts ein? Zusammenhang zwischen Nerven, Haltung und langem Sitzen

Es ist kurz nach drei Uhr morgens. Man wird wach, dreht sich auf die andere Seite und merkt plötzlich, dass eine Hand kaum noch zu spüren ist. Die Finger kribbeln, der Griff fühlt sich ungewohnt schwach an und für einige Sekunden scheint die Hand nicht richtig zum restlichen Körper zu gehören.

Meist beginnt man automatisch, die Finger zu bewegen oder die Hand auszuschütteln. Nach kurzer Zeit kehrt das Gefühl zurück. Am nächsten Morgen ist der Vorfall fast vergessen – bis er in der folgenden Nacht wieder passiert.

Viele Menschen erklären sich das zunächst mit einer ungünstigen Schlafposition. Man habe eben auf dem Arm gelegen oder das Handgelenk unter dem Kopf abgeknickt. Das kann tatsächlich eine harmlose Erklärung sein. Wiederkehrende oder länger anhaltende Beschwerden können jedoch auch andere Ursachen haben.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

„Wie habe ich in dieser Nacht geschlafen?“

Sondern auch:

„Welchen Belastungen waren Hand, Arm, Schulter und Nacken während des gesamten Tages ausgesetzt?“

Wichtiger medizinischer Hinweis

Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine ärztliche Untersuchung und ermöglicht keine Diagnose. Wenn Taubheitsgefühle regelmäßig wiederkehren, länger anhalten, stärker werden oder von Schmerzen, Muskelschwäche beziehungsweise Bewegungseinschränkungen begleitet werden, sollten sie medizinisch abgeklärt werden.

Warum eine Hand nachts überhaupt „einschlafen“ kann

Das Gefühl in den Händen wird über Nervenbahnen weitergeleitet. Diese Nerven verlaufen vom Bereich der Halswirbelsäule über Schulter und Arm bis in die einzelnen Finger. Wird ein Nerv an einer Stelle für eine gewisse Zeit eingeengt, gereizt oder stark belastet, können seine Signale vorübergehend verändert werden.

Das Ergebnis kann sich als Kribbeln, Taubheitsgefühl, Brennen oder sogenanntes Ameisenlaufen bemerkbar machen.

Eine einfache Situation kennen fast alle Menschen: Man schläft mit dem Arm unter dem Oberkörper ein. Das Körpergewicht erzeugt Druck, die Position wird verändert und das Gefühl kehrt nach wenigen Minuten zurück.

Nicht jedes nächtliche Taubheitsgefühl lässt sich jedoch so erklären. Die medizinische Informationsplattform gesund.bund.de des Bundesministeriums für Gesundheit nennt das nächtliche Einschlafen einer Hand als ein mögliches frühes Anzeichen eines Karpaltunnelsyndroms.

Dabei wird der Medianusnerv im Bereich des Handgelenks eingeengt. Typischerweise können Daumen, Zeige-, Mittel- und Teile des Ringfingers betroffen sein. Das bedeutet nicht, dass jede nachts eingeschlafene Hand auf ein Karpaltunnelsyndrom hinweist. Es zeigt aber, warum wiederkehrende Beschwerden nicht ausschließlich als harmlose Schlafposition abgetan werden sollten.

Auch das amerikanische National Institute of Arthritis and Musculoskeletal and Skin Diseases beschreibt, dass Beschwerden eines Karpaltunnelsyndroms häufig zunächst nachts auftreten und sich durch Taubheit, Kribbeln oder Schwäche in den Fingern bemerkbar machen können.

In einer klinischen Untersuchung von Patientinnen und Patienten mit diagnostiziertem Karpaltunnelsyndrom berichteten etwa 80 Prozent von nächtlichem Erwachen aufgrund tauber Hände. Diese Zahl bezieht sich ausdrücklich auf eine untersuchte Patientengruppe mit Karpaltunnelsyndrom und nicht auf die Allgemeinbevölkerung.

Studie zu nächtlichen Schlafstörungen bei Karpaltunnelsyndrom

Was die betroffenen Finger verraten können – und was nicht

Wer nachts mit einer tauben Hand aufwacht, versucht häufig sofort herauszufinden, welcher Nerv betroffen sein könnte. Die Verteilung der Beschwerden kann Ärztinnen und Ärzten tatsächlich Hinweise geben. Für eine Selbstdiagnose reicht sie jedoch nicht aus.

Beobachtung Mögliche Einordnung Sinnvoller nächster Schritt
Die Hand war nach einer ungewöhnlichen Schlafposition kurz taub und das Gefühl kehrt schnell vollständig zurück. Eine vorübergehende Druckbelastung kann eine mögliche Erklärung sein. Beobachten, ob es sich um eine einzelne Situation handelt oder regelmäßig wiederkehrt.
Vor allem Daumen, Zeige- und Mittelfinger kribbeln nachts wiederholt. Dieses Muster kann unter anderem bei einer Reizung des Medianusnervs auftreten. Bei wiederkehrenden Beschwerden ärztlich abklären lassen.
Taubheit oder Kribbeln treten auch tagsüber auf und halten länger an. Es kommen unterschiedliche nervliche, orthopädische oder internistische Ursachen infrage. Nicht selbst diagnostizieren, sondern medizinisch untersuchen lassen.
Zusätzlich bestehen Schwäche, Probleme beim Greifen oder ein Verlust der Feinmotorik. Die Beschwerden sollten zeitnah fachlich beurteilt werden. Ärztlichen Rat einholen und den Verlauf genau beschreiben.

Taubheitsgefühle können außerdem mit Erkrankungen wie Diabetes, Schilddrüsenstörungen, Durchblutungsproblemen, Entzündungen, Verletzungen oder anderen neurologischen Ursachen zusammenhängen. Eine Arbeitsplatzveränderung kann solche Erkrankungen weder diagnostizieren noch behandeln.

Der Überblick von MedlinePlus zu Taubheit und Kribbeln zeigt, wie unterschiedlich die möglichen Ursachen sein können.

Warum der Arbeitstag trotzdem eine Rolle spielen kann

Die Tatsache, dass Beschwerden nachts auffallen, bedeutet nicht automatisch, dass sie ausschließlich nachts entstehen.

Stellen wir uns einen typischen Arbeitstag vor:

Am Vormittag werden E-Mails beantwortet. Der Laptop steht etwas zu hoch, deshalb bleiben die Schultern leicht angehoben. Der rechte Arm liegt nur teilweise auf, während die Hand die Maus führt. Das Handgelenk ist dabei nicht gerade, sondern leicht nach außen und nach oben abgeknickt.

Nach dem Mittagessen verändert sich die Haltung kaum. Die Unterarme haben keine stabile Auflage, der Körper rutscht etwas nach vorne und die Schultern werden zunehmend angespannt.

Keine einzelne dieser Positionen muss sofort Beschwerden verursachen. Problematisch kann jedoch werden, wenn dieselben Gelenke, Muskeln und Nerven über Stunden immer wieder in ähnlichen Winkeln belastet werden.

Die amerikanische Arbeitsschutzbehörde OSHA empfiehlt bei der Bildschirmarbeit unter anderem:

  • Hände, Handgelenke und Unterarme möglichst gerade und in einer Linie zu halten,
  • die Schultern entspannt zu lassen,
  • die Oberarme nah am Körper zu führen,
  • und die Ellenbogen ungefähr in einem Winkel zwischen 90 und 120 Grad zu positionieren.

OSHA: Empfohlene Körperpositionen am Computerarbeitsplatz

Bei Maus und Tastatur wird besonders auf eine möglichst neutrale Handgelenksposition hingewiesen. Dafür reicht es nicht, nur die Tastatur zu verschieben. Unter Umständen müssen Stuhlhöhe, Tischhöhe und Position der Eingabegeräte gemeinsam angepasst werden.

OSHA: Tastatur, Handgelenkswinkel und Arbeitsplatzanpassung

Der entscheidende Unterschied

Eine ungünstige Arbeitsposition ist nicht automatisch die Ursache einer Erkrankung. Sie kann jedoch dazu beitragen, dass Handgelenke, Ellenbogen, Schultern und Nacken über lange Zeit in einer wenig günstigen Position bleiben. Deshalb sollte der Arbeitsplatz als zusammenhängendes System betrachtet werden.

Wie ein unpassender Sitzplatz die Haltung bis in die Hände verändern kann

An dieser Stelle kommt der Arbeitsstuhl ins Spiel – allerdings nicht als alleinige Ursache und schon gar nicht als medizinische Behandlung.

Ein Stuhl beeinflusst die Höhe des gesamten Oberkörpers im Verhältnis zu Tisch, Tastatur und Maus.

Ist die Sitzfläche zu niedrig, kann es passieren, dass die Unterarme nach oben zum Tisch geführt werden müssen. Die Schultern heben sich und die Handgelenke knicken beim Tippen stärker ab.

Ist die Sitzfläche dagegen zu hoch, erreichen die Füße möglicherweise nicht stabil den Boden. Der Körper rutscht nach vorne, der Rücken verliert den Kontakt zur Lehne und die Arme suchen erneut eine ungünstige Position am Tisch.

Auch Armlehnen können helfen oder stören:

  • Zu hohe Armlehnen können die Schultern nach oben drücken.
  • Zu niedrige Armlehnen bieten den Unterarmen kaum Unterstützung.
  • Zu weit auseinanderliegende Armlehnen können dazu führen, dass die Arme ständig nach außen geführt werden.
  • Armlehnen, die nicht unter den Tisch passen, halten den gesamten Körper zu weit von Tastatur und Maus entfernt.

Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung empfiehlt in ihrem Homeoffice-Check, höhenverstellbare Armlehnen möglichst auf Höhe der Tischplatte einzustellen und die Unterarme aufzulegen. Dadurch sollen unter anderem unnötige Belastungen im Schulter- und Nackenbereich reduziert werden.

DGUV: Check-up Homeoffice und ergonomische Arbeitsplatzgestaltung

Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist darauf hin, dass der Arbeitsplatz an die Körpermaße angepasst werden muss. Bei einem nicht höhenverstellbaren Tisch können kleinere Personen beispielsweise eine Fußstütze benötigen, damit die Füße sicher aufgestellt werden können und Ober- und Unterschenkel ungefähr einen rechten Winkel bilden.

BAuA: Ergonomische Gestaltung verschiedener Arbeitsorte

Der Fünf-Minuten-Test für den eigenen Arbeitsplatz

Dieser Test stellt keine medizinische Untersuchung dar. Er hilft lediglich dabei, offensichtliche Fehlanpassungen zwischen Körper, Sitzplatz und Arbeitsfläche zu erkennen.

1. Füße und Sitzhöhe

Stehen beide Füße stabil auf dem Boden oder auf einer geeigneten Fußstütze, ohne dass die Sitzkante unangenehm unter die Oberschenkel drückt?

2. Schulterposition

Können die Schultern locker bleiben, während Sie Tastatur und Maus bedienen?

3. Ellenbogen

Bleiben die Ellenbogen nah am Körper oder müssen die Arme dauerhaft nach außen geführt werden?

4. Handgelenke

Können Hände und Unterarme beim Tippen weitgehend in einer geraden Linie bleiben?

5. Entfernung zum Tisch

Können Sie nah genug an den Tisch heranrollen oder blockieren die Armlehnen die richtige Position?

6. Körpergröße und Sitzfläche

Passt die Sitzhöhe und Sitztiefe tatsächlich zu Ihrer Beinlänge oder müssen Sie nach vorne rutschen, um bequem zu sitzen?

Wenn mehrere Punkte nicht passen, sollte nicht nur ein einzelnes Bauteil verändert werden. Häufig müssen Sitzhöhe, Tisch, Armlehnen, Tastatur und Maus als Einheit betrachtet werden.

Für die Größenanpassung haben wir einen separaten Bürostuhl-Größenberater vorbereitet. Dort werden Sitzhöhe, Sitztiefe, Rückenlehne und Armlehnenabstand anhand der Körpergröße verständlich eingeordnet.

Größere Nutzer finden zusätzliche Hinweise in unserem Ratgeber Chefsessel XXL für große Menschen .

Wann eingeschlafene Hände ärztlich abgeklärt werden sollten

Ein einmaliges Kribbeln nach einer eindeutig ungünstigen Schlafposition ist häufig vorübergehend. Medizinischer Rat ist besonders wichtig, wenn die Beschwerden:

  • ständig vorhanden sind oder immer wieder auftreten,
  • mit Schmerzen oder deutlicher Schwäche verbunden sind,
  • das Greifen oder die Feinmotorik beeinträchtigen,
  • an Intensität zunehmen,
  • oder ohne erkennbare Druck- oder Schlafposition auftreten.

Der britische National Health Service empfiehlt ebenfalls eine ärztliche Abklärung, wenn Kribbeln oder Taubheitsgefühle ständig bestehen oder regelmäßig zurückkehren.

NHS: Wann Kribbeln und Taubheitsgefühle abgeklärt werden sollten

Plötzlich auftretende Taubheit zusammen mit deutlicher Muskelschwäche, Veränderungen im Gesicht, Sprachproblemen oder Beschwerden in einem ganzen Arm sollte nicht als Ergonomieproblem behandelt werden. In solchen Situationen ist eine sofortige medizinische Beurteilung erforderlich.

Fazit: Nicht jede nachts eingeschlafene Hand beginnt im Bett

Manchmal liegt die Erklärung tatsächlich in einer ungünstigen Schlafposition. Manchmal steckt eine Reizung oder Einengung eines Nervs dahinter. Und manchmal spielen mehrere Faktoren zusammen.

Die Haltung bei der Bildschirmarbeit ist dabei nur ein möglicher Teil des Gesamtbildes. Sie erklärt nicht jede Form von Taubheit und ersetzt keine ärztliche Diagnose.

Trotzdem lohnt sich ein Blick auf den Arbeitsalltag. Wer täglich viele Stunden mit angehobenen Schultern, abgeknickten Handgelenken oder schlecht abgestützten Unterarmen arbeitet, sollte prüfen, ob Tisch, Eingabegeräte und Sitzplatz wirklich zur eigenen Körpergröße passen.

Die wichtigste Erkenntnis ist deshalb nicht, dass ein bestimmter Stuhl ein medizinisches Problem löst.

Sie lautet:

Ein gut angepasster Arbeitsplatz kann helfen, unnötige Haltungsbelastungen zu reduzieren – medizinische Beschwerden müssen jedoch unabhängig davon fachlich abgeklärt werden.

Häufige Fragen

Warum schlafen Hände besonders nachts ein?

Im Schlaf bleiben Handgelenk, Ellenbogen oder Arm teilweise über längere Zeit in derselben Position. Dadurch können Nerven vorübergehend unter Druck geraten. Wiederkehrende Beschwerden können jedoch auch andere Ursachen haben und sollten bei Unsicherheit medizinisch beurteilt werden.

Kann ein Bürostuhl eingeschlafene Hände verursachen?

Eine direkte medizinische Ursache lässt sich daraus nicht ableiten. Ein unpassend eingestellter Stuhl kann aber die Position von Schultern, Armen und Handgelenken am Schreibtisch beeinflussen. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Stuhl, Tisch, Tastatur, Maus und Arbeitsgewohnheiten.

Welche Sitzposition ist für die Handgelenke günstiger?

Hände, Handgelenke und Unterarme sollten beim Arbeiten möglichst gerade ausgerichtet sein. Die Schultern bleiben entspannt und die Ellenbogen befinden sich nah am Körper. Die konkrete Einstellung muss an Körpergröße und Arbeitsplatz angepasst werden.

Wann sollte man wegen tauber Hände zum Arzt gehen?

Wenn Taubheit oder Kribbeln ständig vorhanden sind, regelmäßig zurückkehren, stärker werden oder zusammen mit Schmerzen, Schwäche beziehungsweise Problemen beim Greifen auftreten, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.